Das Wichtigste in Kürze
» Ein Pferd bewegt sich von Natur aus 16 bis 18 Stunden am Tag und legt dabei 20 bis 30 Kilometer zurück, überwiegend im Schritt.
» Eine Stunde Reithalle ersetzt das nicht. Die größte Verbesserung bringt die Haltung: Freie Bewegung in der Herde, am besten im Paddock Trail.
» Training ist nicht gleich Bewegung. Ein freier Tag ist ein Bewegungs- oder Wellness-Tag, kein Stehtag in der Box.
Wie viel Bewegung braucht ein Pferd am Tag, und wie viele Kilometer kann es laufen? Die kurze Antwort: Mehr, als die meisten von uns ihm bieten. Heute spreche ich als Gast im Podcast „Basiswissen Pferd" mit Marina Lukasch, Pferdewirtin und Reitschulbetreiberin, über den chronischen Bewegungs- und Haltungsmangel unserer Pferde. Marinas Reitschüler sind die Pferdemenschen von morgen, und genau deshalb lohnt es sich, bei den Grundbedürfnissen anzufangen: Was macht ein Pferd von Natur aus am Tag, was macht es bei uns, und was können wir konkret tun?
Wie viele Kilometer läuft ein Pferd am Tag? Die Grundbedürfnisse
Pferde sind Lauftiere, keine Stehtiere. Wir gucken einfach in die Grundbedürfnisse rein: Das Pferd bewegt sich 16 bis 18 Stunden am Tag, in der Natur überwiegend im Schritt, und legt dabei 20 bis 30 Kilometer zurück. Dieser konstante, langsame Bewegungsfluss hält den gesamten Organismus gesund: Den Bewegungsapparat, die Verdauung und die Psyche. Dafür ist der Körper gebaut, da kommen die Pferde her.
Vergleichen wir das mit dem Alltag vieler moderner Pferde: Eine Stunde Reiten, Longieren oder Bodenarbeit und vielleicht ein paar Stunden auf einem kleinen Paddock oder einer abgefressenen Koppel. Selbst bei größter Mühe kommen wir damit nicht annähernd an das natürliche Bewegungspensum heran. Und die Folgen des Bewegungs- und Haltungsmangels bemerken wir oft erst, wenn es fast zu spät ist: Gelenk- und Sehnenprobleme, die schleichend entstehen und nicht so offensichtlich sind wie ein Kratzer, aber hinterher viel aufwendigere und teurere Reha-Zeiten kosten.
Dazu kommt der rechtliche Rahmen: Die Leitlinien zur tierschutzgerechten Pferdehaltung verlangen täglich mehrstündige freie Bewegung, zusätzlich zur Arbeit mit dem Menschen. Ein Pferd, das in seiner Box steht und am Tag nur 40 Minuten an der Longe bekommt, ist damit nicht nur unterversorgt, sondern faktisch nicht so gehalten, wie es sein soll.
Wie weit kann ein Pferd am Tag geritten werden?
Das ist die andere Seite derselben Frage, und sie hängt vom Trainings- und Ausbildungsstand des Pferdes ab. Die 20 bis 30 Kilometer aus der Natur laufen Pferde im Schritt, mit gesenktem Kopf, mit Pausen und ohne Reitergewicht. Unter dem Sattel sieht die Rechnung anders aus. Distanz- und Wanderreitpferde laufen ebenfalls überwiegend im Schritt, man steigt auch mal ab, und trotzdem sind das mehrere Stunden. Hier kommen wir wieder zu den Grundbedürfnissen: Das Pferd ist ein Dauerfuttersucher und soll maximal vier Stunden ohne Futter sein. Damit ist für mich eine Schranke gesetzt. Fünf Stunden und mehr am Stück, wie es im Distanzreiten vorkommt, entsprechen der Art des Pferdes nicht mehr. Wenn ich das nicht machen muss, mache ich es nicht, und wenn doch, muss das Pferd gezielt darauf vorbereitet sein. Wie ein solcher Aufbau aussieht, steht im Artikel über Konditionstraining beim Pferd.
Für den Alltag heißt das: Ein fittes Pferd in gutem Trainingszustand kann problemlos morgens eine Trainingseinheit haben und nachmittags noch einmal bewegt werden. Wie lange, hängt davon ab, wer oben sitzt, was in der Einheit abgefragt wird und wie das Wetter ist. Marina macht es in ihrer Reitschule so: Bei 30 Grad läuft ein Pferd eine Stunde und hat dann zwei Stunden Pause, in denen es in Ruhe trinken und fressen kann. Und nur weil ein Pferd gestern zwei Stunden hintereinander gelaufen ist, darf es das heute nicht automatisch auch. Was bei Hitze sonst noch zählt, steht im Artikel Pferd bei Hitze.
Mythos Schulpferd: Mehr Bewegung, aber auch mehr Belastung?
Oft wird über Schulpferde gelästert, die mehrere Stunden am Tag „arbeiten" müssen. Ich denke mir dann: Die armen Schulpferde, die müssen da drei Stunden gehen, und das arme Privatpferd läuft nur eine Stunde am Tag. Es ist immer die Frage, von welcher Seite wir draufgucken. Kilometertechnisch ist das Schulpferd näher am natürlichen Bedürfnis dran als das Privatpferd, das nach einer Stunde Halle wieder in der Box steht.
Allerdings müssen wir klar zwischen reiner Bewegung und anstrengendem Training unterscheiden. Ein Reiter, der noch nicht koordiniert ist und keine eigene Körperspannung hat: Da muss das Pferd darunter unfassbar viel ausgleichen. Von außen sieht das nach keiner krassen Trainingseinheit aus, weil ja gar keine richtigen Lektionen und Übergänge geritten werden. Das ist ein Trugschluss. Dieses Ausbalancieren und Abfangen, das der Reiter eben noch lernt, ist für das Pferd Schwerstarbeit. Ein Anfängerunterricht kann für das Pferd anstrengender sein als eine fortgeschrittene Stunde, und ein gut gerittenes Pferd unter einem ausbalancierten Reiter hat es oft leichter. Marina zieht daraus die Konsequenz, nach einer anstrengenden Stunde mit bestimmten Reitschülern zwei Stunden Pause einzuplanen, statt das Pferd zweimal hintereinander laufen zu lassen.
Idealerweise sieht der Tag eines Schulpferdes so aus: Morgens, wenn keine Schulstunden sind, eine Einheit von einem guten Reiter, der das Pferd korrekturreitet und ausbildungstechnisch weiterbringt, Stichwort Tragemuskulatur. Nachmittags mit den Kindern viel Strecke und viel Bewegung, aber wenig körperliches Training. Und wer morgens einen Trainingsreiz gesetzt hat, kann nachmittags weniger abfragen. Das lässt sich alles körperlich begründen, wenn man die trainingsphysiologischen Fakten im Hinterkopf hat.
Training oder Bewegung? So misst du, was dein Pferd wirklich macht
Ich lade im Trainingskurs jeden dazu ein, einfach mal zu tracken, was er mit seinem Pferd macht. Das geht ohne Extrakosten mit dem Handy, das jeder in der Tasche hat: Sicher in einer Handytasche an der Satteldecke oder am Longiergurt, nicht in der Hosentasche des Reitschülers. Dann siehst du sehr schnell, wie viele Kilometer du machst, wenn du spazieren gehst, 30 oder 40 Minuten longierst, eine Stunde reitest oder im Gelände galoppierst. Und es wird relativ schnell klar: Mit 45 oder 60 Minuten in der Reithalle kommst du nicht annähernd an die Kilometer, die ein Pferd natürlicherweise laufen würde, auch wenn du mehr trabst und galoppierst. Wer es genauer wissen will, findet im Artikel über GPS-Tracker für Pferde auch die Geräte, mit denen sich die Bewegung in der Haltung messen lässt.
Der zweite Punkt ist der Unterschied zwischen Bewegung und Training. Bewegung ist das langsame Gehen auf der Weide oder im Paddock Trail. Training ist ein überschwelliger Reiz, der den Körper zur Anpassung anregt. Wer einen solchen Reiz setzt, darf an das Cool-down denken und an die Superkompensation: Erholung und Regeneration finden in der Zeit danach statt, und in dieser Zeit ist es sinnvoll, das Pferd zu unterstützen. Wie das Abwärmen richtig geht, steht im Artikel Pferd abwärmen.
Was heißt eigentlich „frei"?
Sonntag Turnier, zwei Springen, Montag und Dienstag frei, und das Pferd steht auf seinem kleinen Paddock und tut gar nichts. Davon sollten wir alle wegkommen. Frei ist okay, aber was heißt frei? Frei heißt nicht, dass ich das Pferd in der Box stehen lasse oder nur auf den Paddock stelle. Frei bedeutet: Eine Bewegungseinheit, aber keine Trainingseinheit. Am Tag nach dem überschwelligen Reiz wird die Muskulatur locker bewegt oder gelockert, zum Beispiel mit einem Wellness-Tag, an dem ich die Muskulatur aktiv mit den Händen massiere und ein bisschen Schritt gehe. Am Folgetag locker longieren, und dann erst wieder einen Trainingsreiz setzen. Das ist keine Regel aus dem Bauch, das folgt den Gewebeanpassungszeiten aus der Trainingsphysiologie. Mehr dazu im Trainingsplan-System und im Artikel über Übertraining beim Pferd.









