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5 Mythen über dicke Pferde: Warum „ein bisschen mehr“ lebensgefährlich ist

Experten-Interview· Dr. Veronika Klein
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Das Wichtigste in Kürze

»Wahrnehmung vs. Realität: Über 50 % der Pferde sind übergewichtig, doch Besitzer schätzen ihr eigenes Tier oft zu dünn ein, da dicke Pferde zum gesellschaftlichen Normalbild geworden sind.

»Stille Entzündung: Übergewicht ist kein optischer Makel, sondern ein gesundheitliches Risiko, das Juckreiz, Husten, Hitzeunempfindlichkeit und schwerwiegende Stoffwechselstörungen wie Hufrehe auslösen kann.

»Heu als Hauptquelle: Die meisten „versteckten“ Kalorien liegen nicht im Krippenfutter, sondern im Grundfutter. Eine Heuanalyse und ein bewusstes Management der Fresspausen (z. B. durch Stroh oder Knabberäste) sind essenziell.


Viele Pferdebesitzer befinden sich in einem Zustand der „unbewussten Inkompetenz“: Sie sehen ihr Pferd jeden Tag, doch die schleichende Gewichtszunahme wird nicht wahrgenommen. Das Übergewicht des Pferdes ist zum Alltag geworden. In dieser Podcast-Folge spreche ich gemeinsam mit der Agrarwissenschaftlerin und Futterexpertin Katharina Voss über die verschiedenen Stadien des Bewusstseins – vom Erkennen der Kilos bis hin zur aktiven Lösung. Unser Ziel ist es, die „Adlerperspektive“ einzunehmen, um fundierte Entscheidungen für die Pferdegesundheit zu treffen.

dicke Pferde

Katharina Voss vereint akademische Tiefe mit spezialisiertem Fachwissen für die Pferdegesundheit. Als promovierte Agrarwissenschaftlerin (Schwerpunkt Tierzucht und Fellfarbgenetik) bringt Katharina ein fundiertes biologisches Verständnis mit.

Ihre therapeutische Expertise umfasst:

  • Fütterung: Absolventin der Meisterklasse Pferdefütterung (TWI/Conny Röhm).
  • Hufe: Zertifizierte Huf- und Hufrehe-Beraterin (Team HUF).
  • Körperarbeit: Spezialistin für Physiotherapie und Osteopathie beim Pferd.

Durch diese Kombination aus Stoffwechselwissen und manueller Therapie bietet Katharina ganzheitliche Lösungen für komplexe Gesundheitsthemen. Einblicke in ihre Arbeit gibt sie auf Instagram unter @tierliebe_physio.

Mythos 1: „Mein Pferd ist gar nicht zu dick“ – Die verzerrte Wahrnehmung

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Übereinstimmung zwischen der Einschätzung des Besitzers und einer neutralen tierärztlichen Bewertung oft erschreckend gering ist. Da wir heute fast überall dicke Pferde sehen, hat sich unser Blick an die Unform gewöhnt.

Um der Realität ins Auge zu blicken, hilft der Body Condition Score (BCS). Hierbei beurteilst du sechs feste Punkte am Körper deines Pferdes durch Tasten und Sehen. Ergänzend dazu ist das Wiegen oder die Nutzung eines Gewichtsmaßbandes sinnvoll, wobei hier stets das rassespezifische Idealgewicht als Referenz dienen muss. Ein BCS von unter 6 ist ein wichtiges Ziel, besonders bevor die Weidesaison beginnt.

Passender Beitrag: Body Condition Score: Gewicht beim Pferd

Mythos 2: „Ein Kilo zu viel schadet doch nicht“ – Die schleichenden Folgen

Viele glauben, ein Puffer sei ein Zeichen guter Fürsorge. Doch für die Gesundheit ist ein „Tick zu wenig“ fast immer besser als zu viel. Übergewicht des Pferdes löst chronische Entzündungsprozesse im Körper aus. Die Folgen sind vielfältig:

  • Hautprobleme: Unspezifischer Juckreiz oder vermeintliches Sommerekzem verschwinden oft, sobald das Pferd abspeckt.
  • Atembeschwerden: Fettansammlungen im Körperinneren (viszerales Fett) verhindern, dass sich die Lunge voll entfalten kann. Dies führt zu Husten oder einer erhöhten Atemfrequenz, die oft fälschlicherweise als Asthma gedeutet wird.
  • Thermoregulation: Fett wirkt wie eine Isolierschicht. Übergewichtige Pferde leiden massiv unter Hitze und können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren.

Mythos 3: „Der kriegt doch schon nichts“ – Versteckte Kalorien im Heu

Wenn Besitzer sagen, ihr Pferd bekomme „nichts“, beziehen sie sich meist auf das Krippenfutter. Die wahre Kalorienbombe ist jedoch oft das Heu. Ein Pferd in 24/7‑Heufütterung kann problemlos 15 kg Heu oder mehr fressen – das liegt oft 50 % über dem tatsächlichen Energiebedarf und führt oft zum Übergewicht des Pferdes.

Besonders bei dicken Pferden im Offenstall ist das Management schwierig, aber machbar. Eine zeitweise Separation oder das Mischen von Heu mit Stroh sowie das Anbieten von Knabberästen können helfen, das Kaubedürfnis zu befriedigen, ohne die Energiebilanz zu sprengen. Training allein reicht oft nicht aus, um massive Fütterungsfehler zu kompensieren – man kann fünf Kilo überschüssiges Heu nicht mal eben in einer Stunde Schrittarbeit „abtrainieren“.

Passender Beitrag: Pferdefütterung Teil 11: Raufutter

Mythos 4: Überversorgung vs. Nährstoffmangel bei Diäten

Ein dickes Pferd ist zwar überversorgt mit Energie, leidet aber paradoxerweise oft an einem Mangel an Proteinen, Spurenelementen und Vitaminen. Das gilt besonders, wenn eine Radikaldiät („Heu auf Minimum“) ohne Sinn und Verstand durchgeführt wird.

Ein kranker, übergewichtiger Körper hat oft sogar einen Mehrbedarf an Vitalstoffen, um den Stoffwechsel wieder anzukurbeln. Eine bedarfsgerechte Rationsberechnung ist daher der erste Schritt jeder Diät, damit das Pferd gesund abnehmen kann, ohne in eine Stressmangelsituation zu geraten.

Passender Beitrag: Mineralstoffversorgung bei Pferden

Mythos 5: Das Schablonen-Denken – EMS und dünne Pferde

Nicht jedes dicke Pferd hat automatisch das Equine Metabolische Syndrom (EMS), und nicht jedes dünne Pferd ist davor sicher. Es gibt eine genetische Prädisposition für Insulindysregulationen, die besonders bei bestimmten Rassen (Ponys, Iberer) ausgeprägt ist. Auch Pferde mit Cushing (PPID) können trotz eines mageren Erscheinungsbildes massive Probleme mit dem Insulinstoffwechsel und somit ein hohes Hufrehe-Risiko haben. Die optische Beurteilung allein reicht nicht aus; im Zweifelsfall müssen Blutwerte und eine saubere Diagnostik Klarheit schaffen.

Passender Beitrag: Cushing beim Pferd gibt es nicht!

Der Weg zum fitten Pferd: Motivation statt Schuldgefühle

Der Weg vom „fetten zum fitten“ Pferd ist oft emotional steinig, besonders wenn man im Stall für Maßnahmen wie Maulkorb oder Weideverzicht kritisiert wird. Doch es geht nicht um Schuldzuweisungen für die Vergangenheit, sondern darum, es ab heute jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Das Pferd ist nicht nachtragend – es wird dir die neu gewonnene Bewegungsfreude mit jedem Galoppsprung danken.


Möchtest du dein Pferd aktiv beim Abnehmen unterstützen? Wenn du fundierte Hilfe suchst, um dein Pferd gesund und nachhaltig in Form zu bringen, schau dir den Online-Kurs Von Fett zu Fit“ an. Dort erfährst du Schritt für Schritt, wie du deine Fütterungsumstellung, dein Trainingsmanagement anpasst und deine mentalen Hürden überwindest.

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Mit Dr. Veronika Klein kannst du, in der Kernkompetenz-Pferd-Welt, Schritt für Schritt erfahren, wie du den Body Condition Score bestimmst.

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Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Verlasse dich nicht auf dein Augenmaß. Nutze den Body Condition Score (BCS), um spezifische Fettdepots an Hals, Schulter, Rippen und Kruppe zu tasten. Ein neutraler Blick von Experten oder regelmäßige Fotos helfen gegen die „Betriebsblindheit“.

Ja, aber es erfordert Management. Du kannst die Heuaufnahme testen, indem du dein Pferd für einige Stunden separierst und die gefressene Menge wiegst. Kooperationen mit anderen Besitzern dicker Pferde können helfen, Fresspausen gemeinsam umzusetzen.

Lange Pausen ohne Kautätigkeit sind kritisch. Das Ziel ist jedoch nicht „Nulldiät“, sondern die Reduktion der Energiedichte. Biete Alternativen wie gewaschenes Heu, Stroh oder ungiftige Zweige an, um die Magen-Darm-Tätigkeit ohne Kalorienüberschuss aufrechtzuerhalten.

Oft fehlen bei reduzierter Fütterung wichtige Mineralstoffe und Proteine. Ein Nährstoffmangel kann den Stoffwechsel verlangsamen. Achte auf ein hochwertiges Mineralfutter und eine ausreichende Eiweißversorgung während der Gewichtsreduktion.

Ja. Hufrehe ist oft ein Symptom einer Stoffwechselstörung wie EMS oder Cushing (PPID). Auch normalgewichtige Pferde können eine Insulindysregulation haben, die durch Genetik oder hormonelle Erkrankungen ausgelöst wird.

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