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Blutbild beim Pferd: Was die Werte wirklich verraten

Pferdegesundheit
Dr. med. vet. Veronika Klein
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Das Wichtigste in Kürze

» Ein Blutwert allein sagt wenig: Erst Vorbericht, klinische Untersuchung und das Zusammenspiel der Werte machen ein Blutbild aussagekräftig.
» Mineralstoffmängel lassen sich per Blutbild kaum feststellen, der Körper hält die Blutwerte lange stabil. Sinnvoller ist die Rationsberechnung.
» Ein erhöhter Kaliumwert ist fast immer ein Transport-Artefakt und keine Erkrankung. Im Zweifel zählt die zweite, sofort verarbeitete Probe.

„Können wir mal ein Blutbild machen?“ Kaum ein Wunsch fällt im Stall so oft wie dieser, und kaum ein Ergebnis wird so oft überschätzt. Ein Blutbild ist ein starkes Werkzeug, aber nur im richtigen Kontext: Die Werte allein, ohne Vorbericht und klinische Untersuchung, sind irreführend und können zu völlig falschen Schlüssen führen. In diesem Artikel gehen wir das Blutbild beim Pferd einmal komplett durch: was drinsteckt, was die einzelnen Werte bedeuten, wo die Grenzen liegen, und an einem echten Praxisfall siehst du, wie aus Zahlen eine Diagnose wird.

Podcast-Cover zur Folge Blutbild beim Pferd: Collage mit Blutabnahme an der Halsvene und bunten Blutröhrchen

Was ist Blut überhaupt?

Ein Großpferd besitzt rund 40 Liter Blut. Es besteht aus dem zellulären Anteil und dem Blutplasma, zusammen heißt das Vollblut. Entfernt man aus dem Plasma die Gerinnungsfaktoren, spricht man von Serum. Beide Flüssigkeiten sind gelblich und klar. Zu den Blutzellen zählen drei Typen: die roten Blutzellen (Erythrozyten) mit dem Blutfarbstoff Hämoglobin, die den Sauerstoff transportieren, die weißen Blutzellen (Leukozyten) als Teil der Immunabwehr und die Blutplättchen (Thrombozyten) für die Gerinnung.

Schema zweier Blutröhrchen: Links einheitlich rotes Vollblut, rechts die aufgetrennte Probe mit roten Blutzellen unten und gelblichem Plasma oben

Zur Einordnung: Links Vollblut, rechts die aufgetrennte Probe. Unten sammeln sich die roten Blutzellen, oben steht das gelbliche Plasma. Genau dieses Verhältnis misst der Hämatokrit.

Das rote Blutbild: Sauerstofftransport im Blick

Je nach Vorbericht reicht manchmal der Blick auf das rote Blutbild. Die wichtigsten Werte:

  • Hämatokrit: Der Volumenanteil der roten Blutzellen im Vollblut in Prozent.
  • Erythrozytenzahl: Die absolute Anzahl roter Blutzellen pro Liter Blut.
  • Hämoglobinkonzentration: Der Gehalt an Blutfarbstoff.
  • MCH: Der mittlere Hämoglobingehalt einer einzelnen roten Blutzelle, errechnet aus Hämoglobin geteilt durch Zellzahl. Steigt dieser Wert, ist das ein Hinweis auf eine Hämolyse, also das Auflösen roter Blutzellen, bei dem der Farbstoff ins Plasma freigesetzt wird.

Spannend: Auch beim völlig gesunden Pferd schwanken diese Werte. Die Rasse spielt eine Rolle (Vollblüter stehen, der Name deutet es an, höher im Blut), der Trainingszustand ebenfalls, denn mehr rote Blutzellen bedeuten mehr Sauerstoff für die Muskulatur. Trainierte Vollblüter erreichen Spitzenwerte. Und dann gibt es eine echte Pferde-Besonderheit: die Milz als Blutspeicher. Regt sich ein Pferd kurz vor der Blutentnahme auf, zieht sich die Milz zusammen und gibt gespeicherte rote Blutzellen ins Blut ab. Das Ergebnis: erhöhte Werte im roten Blutbild, ganz ohne Krankheit.

Wenn die roten Werte wirklich abweichen

Steigt der Hämatokrit beim kranken Pferd, ist eine häufige Ursache die Dehydratation: Das Pferd trinkt zu wenig oder schwitzt zu viel, das Blut dickt ein (Hämokonzentration). Fällt der Hämatokrit, spricht man von Anämie, der Blutarmut. Dahinter kann eine Blutung stecken, aber auch ein Virusinfekt, der rote Blutzellen zerstört, eine Autoimmunerkrankung oder eine Vergiftung. Ein Beispiel, das tatsächlich aus Fütterungs-Tipps in sozialen Netzwerken stammt: Zwiebeln gegen Husten. Zwiebeln sind für Pferde giftig und können die roten Blutzellen auflösen.

Das weiße Blutbild: Die Immunabwehr zählt durch

Bei Verdacht auf eine Infektion werden die weißen Blutzellen gezählt. Die Gesamtzahl heißt Leukozytenzahl, dahinter stecken fünf Zelltypen: neutrophile Granulozyten und Lymphozyten machen im Verhältnis von etwa 60 zu 40 den Löwenanteil aus, Monozyten, eosinophile und basophile Granulozyten liegen zusammen meist unter 5 %.

Der Verlauf einer bakteriellen Infektion zeigt schön, warum ein einzelner Messzeitpunkt täuschen kann: Direkt nach der Infektion werden die vorhandenen Abwehrzellen verbraucht, die Gesamtzahl sinkt (Leukopenie). Dann produziert der Körper massenhaft nach, und der Wert steigt deutlich über normal (Leukozytose). Erst niedrig, dann hoch, dasselbe Pferd, dieselbe Krankheit.

Ein Blick auf die einzelnen Typen:

  • Neutrophile Granulozyten: Steigen bei Entzündung und Stress, eher hinweisend auf bakterielle Infektionen. Es gibt junge stabkernige und ältere segmentkernige Formen (Eselsbrücke: Der Stab steht noch fest im Leben, die Oma ist gekrümmt). Steigt bei einer Infektion der Anteil der jungen Stabkernigen, nennt man das Linksverschiebung.
  • Lymphozyten: Werden bei Virusinfektionen weniger, und auch unter Cortison. Genau deshalb gehört Cortison nicht ins akut infizierte Pferd: Es bremst das Immunsystem, das gerade gebraucht wird.
  • Eosinophile Granulozyten: Können auf eine Allergie oder eine aktive Parasitenwanderung hinweisen. Wichtig ist das Wort können: Ein normaler Wert schließt weder Allergie noch Parasiten aus.
  • Monozyten und Basophile: Spielen beim Pferd eine untergeordnete bzw. ungeklärte Rolle.

Thrombozyten: Wenn niedrige Werte gar keine sind

Die Blutplättchen bilden bei einer Verletzung den ersten Pfropf und stoppen so die Blutung. Echte Gerinnungsstörungen sind beim Pferd sehr selten. Viel häufiger ist ein Laborartefakt: Lagert die Blutprobe zu lange oder wurde sie nicht richtig geschwenkt, verkleben die Thrombozyten miteinander. Das Analysegerät kann die Klumpen nicht als Einzelzellen zählen, und der Wert erscheint falsch niedrig. Bevor du dich also über „zu niedrige Thrombozyten“ sorgst: erst an die Probenqualität denken.

Tierärztin nimmt beim Pferd Blut aus der Halsvene, mit Handschuhen und Kanüle

Der Mineralstoff-Mythos: Blutbild machen, Futter anpassen?

Der Wunsch ist verständlich und kommt ständig: Blutbild machen, Mineralstoffe messen, danach das passende Mineralfutter füttern. Leider funktioniert das in der Regel nicht. Das Blut ist nämlich bestrebt, die Konzentration der einzelnen Stoffe konstant zu halten. Ein Mangel zeigt sich im Blut erst sehr spät.

Das Beispiel Calcium macht es deutlich: Sinkt die Calciumkonzentration im Blut, wird unter hormonellem Einfluss Calcium aus der Gewebereserve abgebaut, dem Knochen, und ins Blut nachgeschoben. Das Pferd hat dann längst einen Mangel, der Blutwert ist trotzdem normal. Und ist der Calciumwert doch verändert, kann das an Leber- oder Nierenerkrankungen oder einem Vitamin-D-Mangel liegen und gar nichts mit der Calciumversorgung zu tun haben.

Sinnvoller ist der umgekehrte Weg: erst die Klinik, dann das Labor. Zeigt ein Pferd zum Beispiel stumpfes Fell und brüchige Hufe, kann das auf einen Zinkmangel hinweisen, und dann lohnt der Blutwert als Ergänzung. Der stärkste Hebel bei Verdacht auf Versorgungslücken ist aber die Rationsberechnung: Sie deckt Mängel auf, und noch häufiger die Überversorgung.

Der Kalium-Klassiker: fast immer falscher Alarm

Ein erhöhter Kaliumwert steht auf sehr vielen Pferde-Befunden, und fast immer ist er ein Artefakt. Kalium sitzt in hoher Konzentration in den Zellen. Wird die Probe verschickt und lagert unterwegs, lösen sich einzelne Blutzellen auf und ihr Kalium landet im Plasma. Der Wert ist dann falsch erhöht, das Pferd hat weder einen Kaliumüberschuss noch eine Stoffwechselstörung. Besteht trotzdem ein Verdacht (echte Ursachen wie Nierenfunktionsstörung, Muskelzerfall oder eine Übersäuerung sind selten), gehört eine zweite Probe genommen und unverzüglich verarbeitet. Und es sollten dann weitere Werte auffällig sein, beim Muskelzerfall etwa der Muskelwert CK. Ist nur das Kalium erhöht und alles andere unauffällig, war es sehr wahrscheinlich der Transport.

Verschiedene Blutröhrchen mit farbigen Deckeln für unterschiedliche Laboruntersuchungen liegen auf Pflastersteinen

Ein Fall aus der Praxis: Vom schlappen Pferd zur Diagnose

Wie das Zusammenspiel funktioniert, zeigt ein echter Fall. Ich werde zu einem Pferd gerufen: 13 Jahre alt, Paddockbox, geimpft, regelmäßig entwurmt, gelegentlich Turnier. Vorbericht: schlapp, gähnt viel, beim Reiten schnell müde, stumpfes Fell. Die klinische Untersuchung ist unauffällig: Puls 36, normale Atemfrequenz, kein Fieber, Schleimhäute in Ordnung, Kotabsatz normal, guter Ernährungszustand.

Die Liste der Möglichkeiten ist lang und unspezifisch: Leberprobleme, Magengeschwüre, Parasitenbefall trotz Entwurmung, eine anbahnende Infektion, Stoffwechselbelastung im Fellwechsel. Also Blutbild. Das Ergebnis: Hämatokrit erniedrigt, Kalium erhöht, Leber- und andere Organwerte unauffällig. Wir haben also eine Anämie, und jetzt beginnt die eigentliche Arbeit, das Denken:

  • Eine äußere Blutung wäre aufgefallen. Aber innere Blutverluste sind denkbar: Darmparasiten saugen Blut, und Magengeschwüre bluten jeden Tag ein bisschen.
  • Eine Hämolyse? Dann müsste der MCH erhöht sein. Ist er nicht, also eher unwahrscheinlich.
  • Das erhöhte Kalium? Die Probe konnte an dem Tag nicht sofort ins Labor, ein Kolik-Notfall hatte Vorrang. Lagerungsartefakt, abgehakt.

Wegen der Resistenzlage bei Parasiten machen wir trotz regelmäßiger Wurmkur eine Kotprobe (warum das so wichtig ist, liest du im Artikel über Resistenzen beim Entwurmen). Sie ist negativ. Also Gastroskopie, und da ist die Diagnose eindeutig: Magengeschwüre. Das Pferd bekommt eine medikamentöse Therapie, und parallel wird das Management überprüft, um die Ursache abzustellen. Alles Wichtige zu diesem Krankheitsbild findest du im Artikel über Magengeschwüre beim Pferd.

Was das Blut noch verraten kann und wo es schweigt

Neben dem Blutbild lassen sich viele weitere Werte bestimmen. Leberwerte gehören zu den aussagekräftigeren, was sie bedeuten, liest du im Artikel über erhöhte Leberwerte beim Pferd. Bei den Nierenwerten ist Vorsicht geboten: Sie verändern sich erst, wenn rund 75 % der Nierenfunktion verloren sind, also sehr spät. Aussagekräftiger ist eine Nierenfunktionsanalyse, bei der Blut und Urin zeitgleich untersucht werden. Und auch Hormone lassen sich messen, ein schönes Beispiel ist das Östronsulfat: Ist es ab dem 100. Trächtigkeitstag erhöht, darf man sich auf Nachwuchs freuen.

Hand hält ein Bündel Blutröhrchen mit verschiedenfarbigen Deckeln für die Blutuntersuchung beim Pferd

Das Fazit nach all den Werten ist dasselbe wie am Anfang: Entscheidend ist das Gesamtbild aus Vorbericht, klinischer Untersuchung und Laborwerten, nie der einzelne Wert. Ein Blutbild beantwortet keine Fragen, die man ihm nicht gestellt hat. Richtig eingesetzt, im richtigen Moment und richtig interpretiert, ist es aber eines der wertvollsten Werkzeuge, die wir haben.

Blutabnahme beim Pferd: Kanüle wird an der Halsvene angesetzt

Häufige Fragen

In der Regel nicht. Der Körper hält die Blutkonzentrationen konstant und bedient sich dafür an Gewebereserven wie dem Knochen. Ein Mangel zeigt sich im Blut deshalb erst sehr spät. Sinnvoller sind der Blick auf die klinischen Symptome und eine Rationsberechnung der Fütterung.

Fast immer ist das ein Transport-Artefakt: Lagert die Probe zu lange, lösen sich Blutzellen auf und geben ihr Kalium ins Plasma ab. Das Pferd hat dann keinen Kaliumüberschuss. Bei echtem Verdacht hilft nur eine zweite, sofort verarbeitete Probe, und es sollten weitere Werte wie der Muskelwert CK auffällig sein.

Ein niedriger Hämatokrit heißt Anämie, also Blutarmut. Mögliche Ursachen sind Blutungen (auch innere, etwa durch Magengeschwüre oder blutsaugende Darmparasiten), Virusinfekte, Autoimmunerkrankungen oder Vergiftungen. Welche Ursache zutrifft, klärt sich erst im Zusammenspiel mit weiteren Werten und der Untersuchung.

Oft gar nichts Schlimmes: Lagert die Blutprobe zu lange oder wurde sie nicht geschwenkt, verklumpen die Blutplättchen und das Gerät zählt sie nicht mit, der Wert erscheint falsch niedrig. Echte Gerinnungsstörungen sind beim Pferd sehr selten. Im Zweifel wird eine frische Probe direkt verarbeitet.

Wenn es eine konkrete Frage beantworten soll, die sich aus Vorbericht und klinischer Untersuchung ergibt, etwa bei unklarer Mattigkeit, Infektionsverdacht oder zur Verlaufskontrolle. Als Routine-Rundumschlag ohne Fragestellung liefert es dagegen oft mehr Verwirrung als Erkenntnis.

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